Sequoia Nationalpark

Da wir nicht die schnellste Route von Los Angeles wählen, sondern dem Meer entlang auf den Highways 101 und 1 über Santa Barbara fahren, kommen wir erst am späten Nachmittag in Visalia an. Darum fahren wir direkt weiter ostwärts zum Sequoia Nationalpark. Da wir unser Besuchsprogramm noch nicht fixiert haben, möchten wir die Informationen im Besucherzentrum nutzen, um den folgenden Tag zu planen. Ich persönlich habe ja noch immer einen offenen Punkt auf meiner Bucket-List und so hege ich beim Parkbesuch – natürlich neben den typischen Sequoia-Tannen – den Wunsch, einen Bären zu sehen.

Leider ist das Besucherzentrum direkt beim Parkeingang bei unserer Ankunft bereits geschlossen. Nach kurzer Diskussion kann ich Silja überzeugen, dass wir die 45 Minuten zum anderen Parkende unter die Räder nehmen und das noch offene Zentrum anfahren. Mit ein paar Fotohalten unterwegs nähern wir uns Lodgepole Visitor Center.

Einen Halt machen wir noch beim Parkplatz zum grössten lebenden Baum, dem General Sherman Tree. Wir merken aber bald, dass der Fussweg dorthin zeitlich nicht mehr drin liegt, bevor das Besucherzentrum schliesst. Wir sind bereits auf der Weiterfahrt, als Silja plötzlich einen Bär direkt neben dem Parkplatz sieht. Schon jetzt hat sich für mich der Entscheid, noch in den Park zu fahren, gelohnt! Der Bär ist überhaupt nicht menschenscheu und verköstigt sich in aller Ruhe mit Tannzapfen. Ich kann fast nicht genug kriegen und lasse mich nur ungern zur Weiterfahrt bewegen – eine wirklich eindrückliche Begegnung! Auf der Heimfahrt sehen wir im Scheinwerferlicht sogar noch einen weiteren Bären die Strasse überqueren.

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Für den nächsten Tag planen wir nicht eine grosse Wanderung, sondern beschliessen, mehrere der kleineren Besichtigungsrouten zusammenzuhängen. Da ein Gratis-Shuttle im Park verkehrt, ist auch die resultierende Ein-Weg-Strecke kein Problem. Wir fahren relativ früh los zum Parkplatz des General Sherman Trees. Noch sind nicht viele Besucher unterwegs, so dass wir einen Abstecher zum «Tunnel Log» machen, bevor wir zum Parkplatz fahren.

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Wieder ist der gleiche Bär vom Vorabend daran, die Besucher (inklusive uns) mit Tannzapfen-Yoga zu unterhalten. Dann jedoch kommt ein Ranger und beginnt, ihn zu verjagen. Mit lauten Geräuschen und Wurfgegenständen versucht er ihn – mehr schlecht als recht – in die Büsche zu treiben.

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Wir machen uns auf den Weg, lassen die Fauna vorerst ruhen und wenden uns der Flora mit ihren eindrücklichen Bäumen zu. Der Grösste unter den Grossen, der General Sherman Tree ist wirklich eindrücklich. Und auch mit seinen 2′200 Jahren erfreut er sich nach wie vor bester Gesundheit. Aber auch die anderen Sequoia-Tannen – teilweise unter ihrer Last zusammengebrochen und am Boden liegend – vermögen zu beeindrucken. Die Beschreibungen von Leuten, die Zeugen eines solchen Umfallens wurden, lassen erahnen, wie sich ein solches Schauspiel anhört und anfühlt.

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Wir wollen anschliessend den Sequoia-Trial laufen. Noch immer sind sehr wenige Leute unterwegs und wir scheinen auf diesem Weg sogar die ersten zu sein. Dies scheint sich schon sehr bald zu bestätigen… Wir laufen noch immer auf einem asphaltierten Wegabschnitt, als ich kurz vor Silja um eine Ecke biege. Im Augenwinkel erspähe ich etwas und realisiere, dass ein Bär direkt neben dem Weg seinen Schönheitsschlaf hält. Nachdem ich mein halbes Leben lang eine Bärenbegegnung in freier Wildbahn gesucht habe, scheint sich innerhalb zweier Tage dieser Wunsch fast inflationsartig zu erfüllen.

Ich halte an, weiche ein wenig zurück und schildere Silja, was ich soeben gesehen habe. Sie glaubt an einen Scherz und läuft munter um die Ecke. Erst nach meiner genauen Richtungsangabe sieht sie den Mutz und meint, dass der ziemlich nahe und vor allem gross sei. Was nun? Können wir vorbei gehen? Er liegt zwischen zwei Wegen, von beiden nicht mehr als drei Meter entfernt. Den Weg verlassen und ihn via Wald umgehen? Oder treffen wir dann auf seine Freunde? Zuerst muss diese Begegnung sowieso einmal fotografisch festgehalten werden, bevor wir die weiteren Schritte besprechen.

Noch immer leicht in Trance und mein Glück noch nicht realisiert, nähere ich mich vorsichtig in der Paparazzo-Rolle. Einen Schritt, klick; ein weiterer Schritt, klick, ein weiterer Schritt… Plötzlich scheine ich des Bärs Intimzone betreten zu haben. Er richtet sich kurz auf und schlägt mit den Vorderpfoten auf den Boden. Ich weiche instinktiv zurück (andere Quellen sprechen von einem Kurzsprint), worauf er wieder in seine Schlafposition zurückkehrt. Nochmals gut gegangen!

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Als weitere Wanderer kommen, warnen wir sie und beraten mit ihnen, was zu machen sei. Als ein weiteres Paar ohne zu zögern auf dem unteren Weg durchläuft (und nicht gefressen wird), folgen wir ebenfalls auf gleichem Pfad. Mit leicht mulmigem Gefühl passieren wir den Bär in wenigen Metern Abstand. Als die weitere Gruppe passieren will, wird es ihm jedoch zu bunt und er steht auf. Gemütlich besetzt er den Weg und wir sehen erstmals seine eindrückliche Grösse. Wir beobachten noch ein wenig, bis er in den Büschen verschwunden ist und können es immer noch nicht recht fassen – extrem eindrücklich und wahrscheinlich einmalig.

Der Rest der Wanderung verläuft – verhältnismässig – nicht mehr ganz so aufregend. Trotzdem sehen wir noch allerlei Tiere (Hirsche, Hörnchen in allen Farben und Formen und Murmeltiere) und noch viel mehr Bäume. Zudem erklimmen wir zum Abschluss unserer Tour noch den «Moro Rock», der auf 2′050 Meter über Meer liegt. Die Weitsicht dort oben ist jedoch aufgrund der wütenden Waldbrände in der Nähe stark eingeschränkt.

Noch immer erfreue ich mich der Bärenbegegnungen und sehe den Besuch des Parks und vor allem die Wanderung als ein weiteres Reise-Highlight und Top-Kandidaten auf das Amt des einprägsamsten Erlebnisses unserer Weltreise.

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1 Response to Sequoia Nationalpark

  1. Erich says:

    Ufem Moro-Rock isch dSilja also jetzt schon s2. Mal i ihrem Läbe gsi 😉

    Falls es dich interessiert: Min Jahresend- und Wienhachtsbrief von 1994 nachem Bsuech im Sequoia NP:

    Im Oktober sind wir ihm auf unserer Reise durch Kalifornien auf 2000 Metern Höhe an der Westflanke der Sierra Nevada begegnet. Ihm, dem Baum.

    Ein Mammutbaum, über 80 Meter hoch, an seinem Fuss mehr als 12 Meter breit, und gute 2500 Jahre alt.

    Ich stehe da und staune, sprachlos – ich! – schau’ ihn an, versuche ihn zu erahnen, zu erspüren. Das mächtigste, das grösste, das älteste Lebewesen auf unserer Erde. Seine rotbraune Rinde ist so weich, dass ich mit der Faust dagegenschlagen kann, ohne mir weh zu tun!

    2500 Jahre …

    Als sein Keimling zu spriessen beginnt, da begründen Konfuzius in China und Zarathustra in Persien ihre Lehren, und in Indien verkündet Gautama Buddha, der Erleuchtete, die Befreiung vom irdischen Leid durch Güte und Weltentsagung.

    Wie mein Baum in Menschenaltern gemessen schon ein Methusalem von hundert Jahren ist, da trinkt Sokrates den Schierlingsbecher und stirbt, und sein Jünger Platon denkt seine unsterblichen Gedanken weiter.

    Und schon 500 Jahre oder mehr als 13 Generationen der damaligen Zeit hat er durch Stürme und Winterkälte und Feuersbrünste überlebt, als im vorderen Orient Könige und Weise einem Stern folgen und auf das Kind in der Krippe in einer Höhle bei Nazareth stossen.

    1000 Jahre – und das „ewige“ römische Reich zerbricht unter dem Ansturm der Ostgoten und der Hunnen, der jüdische Talmud und die britische Sage von Artus und der Tafelrunde werden niedergeschrieben – und er ist ein Wesen, wie eine Frau, ein Mann im besten Alter, mächtig und stark und blühend und unberührt.

    Zu seinem 1500. Geburtstag gründen die Inkas in den Bergen Perus ihr Reich der Sonnenanbetung, im fernen Indien entstehen die herrlichen Tempel des Schiva, und in Pisa beginnen sie den Turm schief zu bauen!

    1800 Jahre, eine Zeitdauer, die ich längst nicht mehr wirklich erfassen kann, und es berührt ihn nicht im geringsten, dass irgendwo jenseits des Ozeans eine Eidgenossenschaft gegründet wird, Dante seine „Divina Comedia“ dichtet und die Gotik ihre Blütezeit erlebt.

    Wie er schon zweitausend Male gesehen hat, wie’s Frühling und Sommer und wieder Herbst und Winter wird, da entdeckt Kolumbus Amerika und belegt endgültig, dass die Erde keine Scheibe ist. Martin Luther entdeckt die Kraft des eigenen Denkens und erprobt sie an der grössten politischen Macht der damaligen Welt, der Kirche. Kopernikus entdeckt, wie sich die Himmelskörper bewegen und dass unsere kleine Erdkugel keineswegs das Zentrum aller Dinge ist. Und Michelangelo Buonarotti wird gerade 25 Jahre alt!

    Und heute? Im 25. Jahrhundert seines Lebens, da lassen wir die Furien der Kriege über den Erdball los, ein böhmischer Gefreiter versteigt sich in den Wahnsinn eines „tausendjähriges Reiches“, das Gott sei Dank gerade mal nur knappe 10 Jahre alt wird, und wir sind auf dem besten Weg, ihm, dem uralten oder ewig jungen Baum, die Luft abzuschneiden und das Leben zu versauern. Und leise fürchte ich, wir könnten’s schaffen, was kein Feuer, kein Erdbeben, kein Blizzard je geschafft hat, wir könnten ihm das Leben verleiden.

    1994 steh’ ich vor ihm mit meinen 44 Jahren, mit nicht einmal einem Fünfzigstel seiner Lebensspanne, und ich spür’s wie selten sonst, wie klein und unbedeutend ich doch bin mit meinem Menschenalter. Und er wächst weiter, kraftvoll, mit der Lebenslust von 2500 Jahren …

    Ein eigenartiger Brief zu Weihnachten, zum Jahresende? Mich macht diese Zeit um den Jahreswechsel immer wieder nachdenklich. Und dieser Baum war vielleicht die eindrücklichste meiner Begegnungen in diesem zu Ende gehenden Jahr, weil er mir die Zeit etwas begreiflicher gemacht hat, und davon wollte ich Euch erzählen.

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