Churfirsten: Alle 7 auf einen Streich

Auf der Suche nach einer neuen sportlichen Herausforderung bin ich anfangs Jahr auf das Projekt «alle 7 Churfirsten an einem Tag» gekommen. Im Internet finden sich nicht nur einige Erfahrungsberichte, sondern auch sehr detaillierte Routenbeschriebe – insbesondere für die willkommenen Abkürzungen, da bei den Wanderwegen viele Höhenmeter verschenkt werden. Zudem konnte ich auf direkte Erfahrungstipps eines Kollegen zurückgreifen. So legte ich mir einen Schlachtplan zurecht, doch eine grosse Portion Ungewissheit und somit Abenteuer blieb glücklicherweise erhalten. An den reservierten Daten im Juni hatte es noch zuviel Schnee, so dass eine Verschiebung in den Juli nötig wurde. Und dann wurde es richtig heiss…

Ein Freund sagte spontan zu zum Abenteuer und so verabredeten wir uns am Vorabend, als die Wetterprognose Sonne ohne Gewitter voraussagte. Wobei Temperaturen bis 37 °C angesagt waren. Und eine Besonderheit dieser Route ist das Nicht-Vorhandensein von Brunnen oder Quellen, um den Wasservorrat unterwegs aufzufüllen. Letzte Besprechungen fanden beim vorabendlichen Carboloadoing mittels Spaghetti statt. Die nötige Portion Abenteuer blieb – wie bereits oben geschrieben – bestehen. In einer groben Schätzung rechneten wir mit netto zehn Stunden Laufzeit für unsere Tour von West nach Ost.

Mystische Morgenstimmung auf dem Selun-Gipfel

Wecker um 02:00 Uhr. Frühstück, Proviant richten, Wasser abfüllen. Ich gönne mir fünf Liter und fülle die Flüssigkeitsspeicher zusätzlich bis zum Start zuhause und während der Anfahrt. Mit einer Viertelstunde Verspätung auf unseren Fahrplan starten wir um 04:15 Uhr bei der Talstation der Seilbahn Selun in Starkenbach. Neben dem permanenten Parkplatz ist auch eine grosse Wiese ausgeschildert, wo wir unser Auto parkierten. Von 900 Metern über Meer geht es zum ersten Ziel Selun auf 2′204 Metern über Meer. Diese erste Etappe verläuft vollständig auf dem ausgeschilderten Wanderweg und dauert gemäss offizieller Angabe 4:15 Stunden. Diese Angabe flösst uns ein wenig Respekt ein, haben wir doch nur etwa mit der Hälfte gerechnet. In der Tat unterbieten wir die Zeitangabe deutlich und geniessen trotzdem den wunderschönen Sonnenaufgang und die mystische Stimmung. Zudem treffen wir kurz vor dem Gipfel eine ganze Schneehuhn-Familie, ansonsten lässt sich aber nicht viel Fauna blicken. In unter zwei Stunden erreichen wir mit dem Selun den ersten Churfirsten des Tages. Die Ersten auf dem Gipfel sind wir jedoch nicht, treffen wir doch auf zwei ältere Damen, die soeben ihr Biwak zusammen gepackt haben nach einer erfrischenden Nacht auf dem Gipfel.

Rechts Selun-Ostflanke, links Frümsel

Der folgende Abstieg ins Chalttal, um anschliessend auf den Frümsel zu gelangen, ist unsere grösste Unsicherheit während der Vorbereitung. Zwar soll es einige Möglichkeiten in der Ostwand des Seluns geben, einige sind aber sehr exponiert. Wir versuchen es auf ca. 1′900 müM, beurteilen die Stelle aber als zu heikel und das Risiko als zu hoch. Wir entscheiden uns, erst auf Höhe Wildmannlisloch eine kleine Abkürzung zu nehmen und via Torloch auf den Frümsel zu steigen. Dies «schenkt» uns zwar zusätzliche Höhenmeter, jedoch kommen wir auf den Flur- und Wanderwegen zügig voran. Zudem können wir so am Fuss des Bergs ein Gepäckdepot machen und einige Flaschen abladen, um durch weniger Gewicht den Aufstieg zu erleichtern. 1:40 Stunden nach dem ersten Gipfel stehen wir auf dem Frümsel und machen unseren zweiten Gipfelbuch-Eintrag.

Die direkte Traverse zum Brisi gelingt gut in Form eines flotten Stein- und Felsentanz› nach initialer Querung eines kleinen Schneefelds. Am Fusse des Bergs beurteilen wir die Möglichkeit gemäss Beschrieb, direkt aufzusteigen und anschliessend über den Grasrücken zum Weg zu traversieren. Wir sind jedoch schon ziemlich nahe beim offiziellen Weg und meinen, dass ein Aufstieg darüber effizienter und damit schneller sei mit der zusätzlichen Option eines erneuten Gepäckdepots. Um 10:00 Uhr erreichen wir bereits den dritten Gipfel und spüren die Hitze immer intensiver.

Zuestoll mit dem Direktaufstieg unter dem Felsband links im Bild

Die nun folgende Traverse zum Zuestoll und vor allem der Aufstieg unter einem überhängenden Felsband macht mir auch noch während dem Abstieg vom Brisi Sorgen, als ich krampfhaft versuche, die Wegspuren an der gegenüber liegenden Felswand zu erspähen. Wir entscheiden, vorerst an den vermeintlichen Einstieg zu traversieren und spontan zu entscheiden, ob wir wiederum den Umweg auf den offiziellen Wanderweg nehmen. Kurz nach dem Brisi-Gipfel erklärt uns ein Berggänger, dass der beschriebene Direktaufstieg der alte offizielle Wanderweg sei. Mit mehr Zuversicht nehmen wir die Traverse unter die Füsse. Beim Einstieg angekommen, entpuppt sich der Direktaufstieg als problemlos und sogar ausgebaut. Zusätzlich laufen wir dank der überhängenden Felsen im Schatten. Einzig die Option auf ein Gepäckdepot bleibt uns verwehrt. Am Mittag stehen wir bereits auf dem vierten Gipfel und haben somit klar mehr als die Hälfte der Tour geschafft.

Auf den Schibenstoll geht es entlang des offiziellen Wanderwegs. Abstieg Zuestoll ist T4 (weiss-blau-weiss) mit einigen ausgesetzten Passagen. Die steilen Abstiege kumulieren sich langsam aber sicher spürbar in den Oberschenkeln. Bis zum Rüggli müssen wir auf ca. 1′750 müM absteigen, traversieren und zum zweitletzten Aufstieg antreten. Vorher errichten wir aber noch unser letztes Depot und nehmen den Aufstieg mit leichtem Gepäck in Angriff. Trotzdem ist der Kampf gegen Hitze und Müdigkeit voll im Gang. Jeder steigt konstant in seinem Tempo dem Gipfel entgegen. Bei den gelegentlichen Verschnaufpausen lassen wir uns aber das sagenhafte Panorama nicht entgehen. Auf dem Schibenstoll kurz nach 13:30 Uhr bin ich dann das erste Mal froh, dass die Tour bald vorbei ist. Die Oberschenkel brennen und die Wasservorräte gehen langsam zur Neige.

Nach dem letzten Abstieg gönnen wir uns beim Gepäckdepot eine Mittagsrast und essen ein Sandwich, nachdem wir uns bisher mangels richtigem Hunger nur laufend mit Studentenfutter, Biberli und dergleichen verpflegt haben. Die Wasserbilanz fällt ernüchternd aus: Jeder hat nur noch etwa einen halben Liter Flüssigkeit für die letzten gut 500 Höhenmeter zur Verfügung. Der Himmel scheint unsere Zeichen erhört zu haben, schickt er doch einige Wolken, die einen willkommenen Schleier vor die Sonne zaubern.

Blick zurück vom Aufstieg zum Hinderrugg. Rechts unten das obere Ende des Gluristals.

Guten Mutes wagen wir uns an die letzte Etappe. Auf die Abkürzung (ohne merklichen Zeitgewinn) via Gämswechsel verzichten wir und finden nach kurzem Suchen den Abstieg durch Büsche und kniehohe Vegetation ins Gluristal. Nun müssen wir die Traverse zum Westaufstieg finden. Aufgrund der Taltopographie halten wir uns ganz rechts und queren dabei noch zwei Schneefelder, die wir zur aktiven Kühlung nutzen. Mit Karte sowie den ungenauen Angaben des GPS-Höhenmessers zirkeln wir uns auf ca. 1′900 müM nach Osten und finden den Einstieg in den Wanderweg. Nun ist es lediglich noch eine Frage der Kondition (und des Willens), die Ungewissheit der Weg- und Abkürzungssuche ist vorüber.

Auf dem Hinderrugg angekommen ist die Freude riesig, auch wenn wir ein Gipfelkreuz mit Buch vermissen. Kurzes Erinnerungsfoto, Zwischenzeit stoppen und weiter zum ultimativen Ziel, der Bergstation auf dem Chäserrugg. Dieser ist rein topologisch kein richtiger Gipfel (respektive Nebengipfel), zählt aber trotzdem zu den sieben Churfirsten. Und wartet zudem als Einziger mit Bahn und Restaurant auf dem Gipfel auf. Wir stillen zuerst unseren ersten Durst am Wasserhahn, bevor wir uns zur Belohnung ein Glacé mit Getränk auf der Terrasse gönnen und neben der Bergwelt die ansprechende Architektur von Herzog & de Meuron bestaunen.

In netto knapp 10 Stunden Laufzeit und brutto ziemlich genau 12 Stunden nach dem Start in Starkenbach haben wir den Chäserrugg erreicht und dabei 28 Kilometer Distanz und 3′500 Höhenmeter zurückgelegt. Mit der zweitletzten Bahn des Tages nehmen wir den Rückweg via Seilbahn, Standseilbahn und Postauto zurück zum Auto in Starkenbach in Angriff. Eine wirklich eindrückliche Tour – nicht nur wegen dem mehrere Tage anhaltenden Muskelkater in den Oberschenkeln…

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