Ambitionierte Alpstein-Runde

Nach den 7 Churfirsten vor Jahresfrist ist es wieder an der Zeit für eine legendäre Bergtour. Am bewährten Team verändern wir nichts und auch das Wetter respektive die Temperaturen versprechen wiederum Höchstwerte über 30 °C.

Als «Spielwiese» dient uns dieses Jahr der Alpstein. Wir planen eine Rundtour mit Start und Ziel in Brülisau. Im Uhrzeigersinn geht es somit via Hoher Kasten, Stauberen, Saxerlücke, Mutschen, vorbei am Altmann, Säntis, Schäfler, Äscher zurück nach Brülisau. Die Kartenplanung sagt dazu 36.5 km und 2983 hm mit einer resultierenden Laufzeit von 15 h 4 min.

Abfahrt ist noch mitten in der Nacht und bereits auf dem Weg nach Brülisau erspähen wir aus dem Auto die erste Fauna-Perle: Ein Waldkauz beäugt uns kritisch von einem Strassenschild herab. Mit frischem Kaffee und erfrischenden Gesprächen erreichen wir Brülisau im Nu und parkieren bei der Kastenbahn. Startverpflegung, Rucksäcke richten und Schuhwerk schnüren – schon geht es im Schein der Stirnlampen um 04:33 Uhr los Richtung Hoher Kasten. Ausser einem Bauer per Velo und zwei schlafenden Personen auf der Terrasse des Berggasthaus› Ruhesitz treffen wir keine Menschenseele – was im Alpstein eher ungewöhnlich erscheint.

Morgenstimmung mit Sämtisersee

Den Hohen Kasten passieren wir noch bei Dunkelheit und machen uns direkt auf den Weg zur Stauberen. Dabei präsentiert sich der Sämtisersee in perfekt mystischer Stimmung mit letzten Nebelfetzen. Langsam geht die Sonne auf und beschert uns einen wunderschönen Sonnenaufgang im Rücken. Die Temperatur ist bereits seit dem Start sehr angenehm, so dass wir kurz/kurz unterwegs sind. Kurz vor der Stauberen treffen wir auf die nächsten Tiere: Zuerst eine Gämsfamilie mit Jungen, kurz darauf zwei Gämsen mitten auf dem Weg. Das Blickduell gewinnen wir knapp und schiessen schöne Fotos dieser eindrücklichen Begegnung. Der Zeitplan beim Eintreffen auf der Stauberen scheint perfekt: Die frischen Nussgipfel kommen direkt aus dem Ofen und werden warm heiss serviert.

Mittlerweile treffen wir vereinzelt weitere Leute auf den Wanderwegen auf dem Weg zur Saxerlücke. Der Weg auf der Krete seit dem Hohen Kasten präsentiert sich als munteres Auf-und-Ab mit einem ersten «richtigen» Abstieg zur Saxerlücke. Für uns geht es geradeaus und somit wieder bergauf zum Mutschen. Obwohl dieser nicht direkt auf unserer Route, sondern einige Höhenmeter südlich davon liegt, nehmen wir ihn mit und nutzen die sehenswerte Aussicht für eine Verpflegungsrast und einen Eintrag ins Gipfelbuch. Die Sicht ist nur Richtung Rheintal durch ein paar letzte Wolkenfetzen verhangen, ansonsten grandios und gibt den freien Blick Richtung südwest auf die Churfirsten frei.

Auge in Auge mit dem Steinbock

Wir und unsere Beine fühlen sich nach wie vor bestens und so geht es coupiert weiter zur Zwinglipasshütte. Trotz einladender Optik rasten wir nicht, sondern gehen direkt weiter Richtung Altmann respektive Rotsteinpass. Im folgenden Wegabschnitt werden wir nun mehrmals durch eindrucksvolle Begegnungen mit Steinböcken aufgehalten. Zuerst erblicken wir eine Gruppe von ca. 20 Tieren rechts vom Weg auf einer Geröllhalde am Sonnenbaden. Von links kommen weitere gut zehn Tiere hinzu und einige Exemplare dösen in unmittelbarer Nähe zum Wanderweg. Ein ganz vorwitziges Tier steht sogar mitten auf dem Weg und fordert uns wiederum zum Blickduell. Solche Begegnungen sind für mich immer wieder höchst eindrücklich und ein wichtiger Punkt einer jeden Bergtour. In einer solchen Fülle durfte ich sie aber erst ganz selten erleben.

Zuerst überlegen wir, auch den Altmann noch mitzunehmen. Die schätzungsweise zusätzlichen 40 Minuten schenken wir uns aber, da wir die Restdauer der Tour nur schwierig abschätzen können. Bisher sind wir sehr zuverlässig unter den offiziellen Zeitangaben geblieben – netto jeweils etwa mit Faktor 0.5, brutto meistens zu zwei Drittel. Während die Zeitberechnungen uns eher defensiv erscheinen (respektive wir zügig unterwegs sind), ist die Toleranzgrenze der Klassierung (weiss/rot/weiss statt weiss/blau/weiss) sehr grosszügig ausgelegt. Vor allem bezüglich Trittsicherheit und Exponiertheit verlangt gerade der Abschnitt Rotsteinpass/Lisengrat durchaus Konzentration.

Beim Abstieg zum Rotsteinpass passieren wir mehrere Gruppen und überholen respektive werden häufig vorgelassen. Hunger macht sich bemerkbar und so planen wir eine kurze Rast beim Rotsteinpass. Dort angekommen ist es uns aber zu laut und hektisch, so dass wir weiter gehen und kurz darauf einen viel idyllischeren Platz finden. Hier weht eine steife Brise, die während dem Laufen sehr angenehm ist, in den Pausen aber fast etwas frostig wirkt. Ein paar Sandwiches und Nussrollen später machen wir uns auf, den Säntis via Lisengrat zu bezwingen.

Auf dem Säntis herrscht wiederum der normale touristische Wahnsinn. Nicht ein Ort, um gemütlich zu rasten. Nach ein paar Gipfelfotos und einer WC-Pause machen wir uns auf den Abstieg. Der Einstieg respektive der Tunnel unter dem Hauptgebäude ist nicht ganz einfach zu finden. Direkt nachher geht es über diverse Leitern und Tritthilfen steil hinab. Kreuzen ist schwierig, was uns einige Wartezeiten beschert. Nach Punkt 2446 geht es ostwärts und hinab über Schneefelder. Den obligaten Hosenboden-Benetzer lasse ich nicht aus, während mein Begleiter lässig kurzschwingend den Hang passiert…

Der Weg führt nun vorbei an Höchnideri, über einen kleinen Pass und zur Öhrligrueb. Für mich der langweiligste Teil der ganzen Tour. Die Sonne brennt von hinten und die Beine sind nicht mehr ganz frisch. Nach dem Lötzisälplisattel stehen wir zuerst in einer Sackgasse, bevor wir den korrekten Weg in leichter Abweichung zur Karte weiter unten erblicken. Der nun folgende, letzte Aufstieg zum Schäfler fühlt sich an wie im Backofen: Der felsige Weg strahlt die Hitze extrem ab und von hinten knallt unbarmherzig die Sonne. Unser Tempo ist dennoch sehr hoch, was wir an der relativen Geschwindigkeit im Verhältnis zu allen anderen Wanderern bemerken.

Auf dem Schäfler gönnen wir uns einen grossen Eistee, der sogleich in unserem Rachen scheinbar verdampft. Für die Strecke zum Äscher entscheiden wir uns für die ansprechende Route unter dem Felsband, anstatt via Ebenalp. Das Publikum ist – wie erwartet – noch bunter als auf dem Säntis. Das neue Gastrokonzept gefällt uns hingegen auf den ersten Blick, wobei wir davon lediglich ein Wasser und ein Glacé konsumieren und uns dieses direkt unter dem Wegweiser vor der «Instagram-Fassade» schmecken lassen.

Äscher: «Place of a Lifetime» gemäss National Geographic

Via Bommen wagen wir den Abstieg. Da unser Auto in Brülisau steht, können wir nicht die schöne Route über den Blättli-Wald nach Wasserauen wählen, sondern gehen nordwärts nach Schwende. Dort queren wir das Bahntrassee, bezwingen die letzte Anhöhe und folgen dem Brüelbach bis zur Kirche Brülisau.

Nach netto 9:40 Stunden Laufzeit erreichen wir unseren Ausgangspunkt. Schneller als gedacht. Und klar weniger erschöpft als nach der letztjährigen Churfirsten-Tour. Distanzmässig waren es etwa gut 40 km mit gut 2800 hm. Leider hat sich der «UltraTrac»-GPS-Modus von Garmin überhaupt nicht bewährt. Dies ist aber klar zweitrangig, die überwältigenden Eindrücke der Tour sprechen für sich.

Meine Beine respektive Oberschenkel erinnern sich/mich in den folgenden Tagen noch intensiv daran. Und auch die nicht sonnencrèmeverwöhnten Stellen halten die Erinnerung an diese fantastische Tour noch einige Tage aufrecht.

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