Vor fast genau 7 Jahren hatten wir bereits die 7 Churfirsten an einem Tag von West nach Ost bestiegen. Für dieses Jahr haben wir uns relativ spontan vorgenommen, die ganze Tour in umgekehrter Richtung und bereits ab Walenstadt zu machen. Eine klare Steigerung der Höhenmeter und logistisch ein Tick komplizierter.
In der Dunkelheit stellen wir unser Auto beim Bahnhof Walenstadt ab und stellen uns den ersten 1’836 Höhenmetern Richtung Chäserrugg. Meine Stirnlampe brauche ich nur kurz, als wir die letzten Häuser verlassen und in den steilen Anstieg im Wald eintauchen. Schon bald beginnt der Sonnenaufgang und bei “Vorder Büls” auf halber Höhe geniessen wir eine erste Verpflegungspause in der Sonne, auch wenn die Temperaturen noch angenehm kühl und die Wiesen noch feucht sind.
Den Aufstieg ab Waldenstadt haben wir unterschätzt und will partout nicht enden. Endlich sehen wir von links den Schnürliweg einmünden und wissen so, dass es nun in den finalen Anstieg geht. Einige Gämse mit Jungieren lassen uns die Anstrengung kurzzeitig vergessen. Auf dem Chäserrugg angekommen, gönnen wir uns ein sehr unkonventionelles Frühstück: Kaffee, alkoholfreies Weizenbier, Nussgipfel, Schlorzifladen. Es herrscht bereits Hochbetrieb im Restaurant, da an den Wochenenden anfangs August jeweils ein Sonnenaufgangs-Brunch angeboten wird. Uns schmerzen zudem die unnötigen je 6 kg Gepäck, die wir in Form von Wasser aus Walenstadt hochgebracht haben.
Nun aber weiter, wir wollen schliesslich am Abend die letzte Bahn nach Starkenbach erwischen. “Hinderrugg ist ein geschenkter Gipfel” denke ich im Abstieg ins Gluristal. Diesen hatte ich kürzer in Erinnerung, als wir anhand unserem letzten GPS-Track und der Karte die optimale Querung ins Gelände legen. Auf etwa 1900 müM verlassen wir den Wanderweg, erklimmen eine kleine Krete und versuchen dem Rücken zu folgen. Die Vegetation mit Büschen und hohem, nassem Gras gepaart mit Felsblöcken erschweren das Fortkommen. Eine Gruppe Gämse im Gegenhang beim Schibenstoll sowie ein einzelnes Exemplar ein paar Meter weiter auf unserer Route beobachten unsere sporadischen Ausrutscher.

Der direkte Weg zum Einstieg des Schibenstolls spart uns zwar signifikant Höhenmeter, verlangt aber Aufmerksamkeit bezüglich Trittsicherheit und Wegsuche. Am Fuss des Bergs errichten wir ein Materialdepot, um ein paar Kilo-Höhenmeter und somit Kraft zu sparen. Den dritten Gipfel erreichen wir ziemlich problemlos und nach dem obligaten Gipfelbucheintrag geht es bereits wieder hinab zum Materialdepot.
Hinüber zum Zuestoll folgen wir dem Wanderweg. Wir nehmen dann aber nicht den offiziellen Einstieg (weiss-blau-weiss), sondern folgen dem Pfad Richtung Paliis Nideri, um den alten Aufstieg im Westen zu nutzen. Dort können wir einerseits wiederum ein Materialdepot einrichten, anderseits ist der Aufstieg schön im Schatten – die Sonne brennt bereits unbarmherzig. Der Aufstieg ist wohl der technischste aller Churfirsten und wir treffen auf viele Wanderer, als wir in den aktuellen Wanderweg einbiegen. Trotz Nadelöhr beim Gipfel gibt es keinen Stau mit Wartezeiten.
Bereits im Abstieg auf dem alten Weg erspähen wir den direkten Trampelpfad zum Brisi. Dieser ist zwar nicht offiziell ausgeschildert, aber mit zahlreichen Steinmannli markiert. Wir kommen gut vorwärts, spüren aber die Strapazen bereits deutlich. Auch am Fusse des Brisis machen wir wiederum ein Materialdepot – das von Mal zu Mal aufgrund der schwindenden Flüssigkeit leichter ausfällt.

Den Brisi hatte ich eindeutig leichter in Erinnerung: Breiter Rücken, relativ flacher aber monotoner Anstieg durch Alpwiesen. Die Realität fühlt sich anders an: unter sengender Sonne entlang der Fallinie praktisch senkrecht nach oben. Diese Höhenmeter schmerzen. In Anbetracht der fehlenden Wasserstellen rationiere ich mir zusätzlich die Flüssigkeitsaufnahme auf ein Minimum. Schliesslich bezwingen wir auch den Brisi und sind froh, dass nur noch zwei Gipfel warten.
Den Frümsel gehen wir auf dem offiziellen Wanderweg an. Wenigstens sind inzwischen ein paar Wolken aufgezogen. Wir überprüfen sporadisch den Wetterradar, das Gewitterrisiko scheint aber gebannt. Wir steigen auf dem direkten Weg in den Frümselaufstieg ein, das Materialdepot wird oberhalb bei der Wegkreuzung erstellt. Auch dieser Aufstieg stellt uns auf die Probe – insbesondere mit den fünf Gipfeln und dem langen Ansteig ab Walenstadt in den Beinen. In uns gekehrt und monotonen Schrittes schreiten wir dem Gipfel entgegen. Geschafft – nur noch einer!
Auf der Traverse hinüber zum Selun blicken wir regelmässig auf dessen Ostwand und versuchen, einen direkten Einstieg möglichst ohne Höhenverlust zu finden. Wir entscheiden aber bald, via Torloch abszusteigen und wie beim letzten Mal nur eine minimale Abkürzung zu nehmen. Das Risiko, in einer Sackgasse zu landen und so viel Zeit und Energie zu verlieren, scheint uns zu gross. In der Verlängerung der Selun-Ostflanke passieren wir eine Alphütte und kommen ins Gespräch mit dem Bauern, als uns seine Kuhherde den Weg versperrt. Neben dem willkommenen Schwatz dürfen wir unsere Flaschen an der Kuhtränke direkt von der Quellfassung füllen. Selten hat sich ein Liter Wasser auf Ex so gut angefühlt. Zusätzlich zum gelöschten Durst ist nun die psychologische Barriere vom knappen Flüssigkeitsvorrat durchbrochen. Mit frischer Motivation nehmen wir die Querfeldein-Traverse hinauf zum Wanderweg in Angriff.
Beim Wanderweg errichten wir unser letztes Materialdepot und nehmen den finalen Anstieg in Angriff. Im Wissen, dass es die letzten Höhenmeter für heute sind, fühlt sich der Anstieg leichter an als zuvor bei Brisi und Frümsel (die wir spontan in Sauhund I und II umgetauft hatten). Biwakieren auf dem Selun scheint nach wie vor hoch im Kurs zu stehen. Bereits letztes Mal trafen wir am frühen Morgen auf zwei Damen, die übernachtet hatten. Und auch jetzt sind bereits zwei Parteien auf dem Gipfel. Auf dem Rückweg sollen uns noch zwei weitere Parteien kreuzen. Der Platz auf dem Selun wird in dieser Nach knapp und die Idylle beschränkt gewesen sein.
Wir geniessen einen letzten Zwipf auf dem Gipfel, als wir ab der Uhrzeit erschrecken: Die letzte Bahn fährt in weniger als einer Stunde! Jetzt nichts wie los und runter zum Materialdepot. Wir treffen auf dem Weg wieder auf zwei Frauen, die wir bereits mehrmals gekreuzt hatten und die auch auf dem Weg zur Bahn sind. Den letzten Kilometer nehmen wir zu viert – teils rennend – in Angriff und schaffen es auf die Minute. Trotzdem müssen wir noch einige Minuten auf die Bahn warten. Für uns wird extra eine zweite Bank montiert und so nehmen wir das finale Abenteuer in Angriff und lassen die 31 km und 4400 Höhenmeter im Schnelldurchlauf Revue passieren.
Mit Postauto und Zug geht es durch den Rickentunnel und vorbei am Walensee zurück nach Walenstadt. Einmal mehr durften wir eine grandiose Tour bei gutem Wetter und ohne Zwischenfälle geniessen. Trotzdem ziehe ich in Betracht, in sieben Jahren mit der Frühstücksbahn auf den Chäserrugg zu fahren und ab da einzusteigen… Die Erinnerungen in Form von Muskelkater, Blasen und verfärbten Zehennägeln nehme ich gerne in Kauf, um weiterhin solche Abenteuer erleben zu dürfen!